Direkt zum Hauptbereich

Kaffee mit… Christoph Graf, Kommandant der Schweizergarde im Vatikan

https://drive.google.com/uc?export=view&id=1zvxnwvWZIz1f7HHrfuLDYGIpvOteZSLN

Kaum an einem anderen Ort der Welt fällt der Kontrast zwischen der Zeit vor und nach dem Ausbruch der Coronapandemie drastischer aus als an diesem Osterwochen­ende in Rom. Der Petersplatz wird bereits zum zweiten Mal nur spärlich besucht sein, wenn der Papst den Segen «urbi et orbi» ­ausspricht. Dort, wo früher Hunderttausende der Ostermesse beiwohnten. Auch die Schweizergarde ist in diesen Zeiten viele weniger im Einsatz. Ihr Kommandant, Oberst Christoph Graf, empfängt mich zum Kaffee in seinem Büro hinter den vatikanischen Mauern, die Romreisende in der Regel nur von der Aussenseite zu Gesicht bekommen.

An den Wänden hängen Ölgemälde seiner Vorgänger. Seit 1506 schützen Schweizer das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Im Jahr 1527 retteten sie sein Leben vor den Plünderern Roms: die offizielle Geburtsstunde der Garde. Die Einschusslöcher sind noch heute in der Mauer draussen unter der päpstlichen Residenz sichtbar. Heute sind die 135 Mann für den ­Personen- und Objektschutz verantwortlich, abgesehen von den Ehrendiensten bei öffentlichen Anlässen sowie an den Eingängen zum Vatikan.

https://drive.google.com/uc?export=view&id=15innVBX2o_q9oWd2dxtM4fJ_50RpBH4w

«Die tägliche Arbeit läuft normal ab, aber wir haben weniger Sonderdienste wie Empfänge, grosse Audienzen, Messfeiern und Papstreisen», erzählt Graf auf die Frage, was sich durch Corona verändert hat. Das Web ist auch für den Heiligen Vater zum Kommunikationskanal geworden. Generalaudienzen finden nur noch via Livestreaming statt. Es gibt keine grossen Papstmessen mehr. Sie finden in kleinem Rahmen statt. Im Petersdom sind sie auf maximal fünfzig Personen beschränkt. Das braucht weniger Personal. «Es ist ungewohnt ruhig für uns.»

Auch die Auslandreisen sind seltener geworden. Die jüngste, in den Irak, gehörte allerdings, was die Sicherheitsfragen betrifft, zu den anspruchsvollsten. Mehrere Gardisten sind zehn Tage zuvor in das Krisen­gebiet gereist. Sie führten Sicherheitschecks an den Orten durch, wo sich der Papst aufhalten würde. «Die Schweizergarde ist mitverantwortlich, dass bei dem Besuch im Ausland alles nach Protokoll abläuft und dass die Sicherheit stimmt», erklärt der 59-Jährige. Dass diese Vorabüberprüfungen, in Zusammenarbeit mit der Vatikan-Gendarmerie, überhaupt durchgeführt werden konnten, ist Papst Franziskus zu verdanken. Früher waren nur zwei Gardisten als Personenschutz zugelassen. Franziskus hat erlaubt, dass der Begleitschutz aufgestockt wird.

Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, dass mit dem neuen Papst ein frischer Wind für die traditionsreiche Truppe eingekehrt ist. Graf und die Schweizergarde sind direkt dem Papst unterstellt. «Der Papst kann Einfluss nehmen, wenn er will», erklärt Graf. Franziskus nehme diese Gelegenheit schon wahr, bei Johannes Paul II. und bei Benedikt XVI. habe man das weniger gespürt. So hat er die dringend erforderliche Personalerhöhung um fast ein Viertel auf 135 Gardisten genehmigt. Auch die lang­jährige Personalie – der Heiratsartikel – wurde dank ihm gelöst.

Zuvor durften nur Korporale heiraten, und es musste eine Wohnung im Vatikan frei sein. Das hatte zur Folge, dass viele fähige Gardisten vorzeitig ausschieden, weil sie geheiratet haben. Graf hat sich mit dem Papst darauf geeinigt, dass nach fünf Dienstjahren und mit einem Mindestalter von 25 Jahren generell geheiratet werden kann. «Mit dieser neuen Regelung ist es nun allen Gardisten erlaubt, zu heiraten, was zuvor den Kaderleuten vorbehalten war», erläutert Graf.

Auch das grösste Zukunftsprojekt ist Franziskus zu verdanken: Er hat den Bau einer neuen Kaserne bewilligt. Sie sei dringend erforderlich. Der aktuelle Bau platze aus allen Nähten und entspreche nicht mehr den heutigen Anforderungen. Es wird eine ökologische, moderne, aber schlichte Kaserne entstehen, entworfen von einem Tessiner Architekturbüro. Die Einweihung ist auf den 500. Jahrestag der Garde am 6. Mai 2027 geplant. Derzeit wird geprüft, wo die Mannschaft während des Abrisses und des Neubaus der Kaserne untergebracht wird. Entweder in einem Provisorium im Vatikan oder in einem gemieteten Bau ausserhalb, aber in der Nähe. Um die Finanzierung der erforderlichen 55 Mio. Fr. kümmert sich ein Stiftungskomitee mit Doris Leuthard und Jean-Pierre Roth an der Spitze. Ein Drittel der Summe soll über private Spenden gesammelt werden.

Graf kam 1987 nach Rom. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in der Vatikanstadt. Schweizergardisten besitzen die vatikanische Staats­bürgerschaft. Sie erlischt mit dem Ende der Dienstzeit. In den 34 Jahren hat sich manches verändert, vor allem die Sicherheitsstandards und die Grundausbildung wurden im Zuge der Terrorismusdrohungen angepasst, die sich jahrelang direkt gegen den Vatikan richteten. Nur in einem Punkt scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: bei der Uniform. Die blau-gelb-rote Montur, die an die Epoche der Renaissance erinnert, ist augenscheinlich nicht zeitgemäss. Warum hält man daran fest? Graf lacht: «Die Uniform kann man nicht ändern. Das würde niemand verstehen.» Natürlich sei sie für den taktischen Einsatz nicht optimal. Es komme daher darauf an, wie man die Leute ausbilden und ausrüsten könne, sodass sie auch mit solch einer Uniform beweglich seien.

Andreas Neinhaus

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

200 Jahre Löwendenkmal in Luzern – neue Infotafeln sollen Blick auf die Geschichte des Denkmals schärfen

Mit öffentlichen Führungen und einer Gedenkfeier am 10. August gedenkt die Stadt Luzern dem 200-jährigen Bestehen des Löwendenkmals. Das Löwendenkmal in Luzern ist eines der bekanntesten Denkmäler der Schweiz und hat internationale Ausstrahlung. Der in den Luzerner Sandstein gemeisselte sterbende Löwe erinnert an den Tuileriensturm 1792, bei dem Hunderte von Schweizergardisten im Dienst des französischen Königs starben. Am 10. August 1821, also rund 29 Jahre später, wurde das Denkmal in Luzern eingeweiht. Zu seinem 200-jährigen Bestehen führt die Stadt nun eine Reihe von Veranstaltungen durch. Jährlich rund 1,4 Millionen Besucher «Das Löwendenkmal übt eine unglaubliche Anziehungskraft aus», sagte der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli am Dienstag an einer Medienkonferenz. Es werde jährlich von rund 1,4 Millionen Gästen aus aller Welt besucht, mit einem pandemiebedingt zurzeit markanten Rückgang. Als Erstes wurde die Löwendenkmal-Anlage jetzt mit neuen Informations...

Ungewöhnlich: Schweizergardisten schwören Papst persönlich die Treue

Vatikanstadt  ‐ Notfalls geben sie ihr Leben für den Papst – die 135 Schweizergardisten im Vatikan. Am Samstag schworen 27 junge Männer dem katholischen Kirchenoberhaupt persönlich ihre Treue. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Das gab es seit 1968 nicht mehr:  27 neue Schweizergardisten  haben Papst Leo XIV. am Samstag persönlich ihre Treue geschworen. Bei der feierlichen Vereidigung im Vatikan versprachen die jungen Männer, den Papst und seine rechtmäßigen Nachfolger notfalls unter Einsatz ihres Lebens zu schützen. Am Tag zuvor hatte Leo XIV. überraschend sein Kommen zu der feierlichen Zeremonie Vatikans angekündigt. Es war die erste Teilnahme eines Papstes an dem Akt seit dem Jahr 1968. Üblicherweise vertritt der Substitut des Staatssekretariats – aktuell  Erzbischof Edgar Pena Parra  – das Kirchenoberhaupt bei der Feier. Er ist der Verwaltungschef und die "Nummer Drei" des Vatikans. Papst dankt und lobt Papst Leo XIV. dankte  in einer kurzen Ansprache ...

Wanderausstellung zum Turiner Grabtuch

In diesem Sommer wird unsere Kirche zum Ausstellungsort für eine der faszinierendsten Fragen der Menschheitsgeschichte:  Wer ist der Mann auf dem Tuch? Die kulturhistorisch, religiös und wissenschaftlich aufbereitete Wanderausstellung unter der Schirmherrschaft von Bischof Joseph Bonnemain lädt Besucherinnen und Besucher ein, das Turiner Grabtuch aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen, sich selbst ein Bild zu machen und vielleicht die Frage für sich ganz persönlich beantworten zu können. Selbst Führungen durchführen? Interessiert an einer Mitarbeit? Bei Fragen oder Interesse an einer Mitarbeit, z. B. als Ehrenamtliche/r für Führungen oder Organisation, wenden Sie gerne an Christoph Borucki K ontakt : Christoph Borucki, grabtuch(a)marialourdes.ch Weitere Informationen zu dieser Ausstellung finden Sie auch auf der  offiziellen Webseite . Eröffnungsgottesdienst mit Bischof Joseph Bonnemain Samstag, 16. August 2025, um 16:00 Uhr,  in der Kirche Maria Lourdes, Zürich-Se...